Abschlussartikel: 8 Wochen Berlin

Seit drei Wochen ich wieder zurück in Bielefeld (und damit mitten in meiner Examensvorbereitung…) und komme nun endlich dazu meinen – etwas längeren – Abschlussartikel zu verfassen.

Das Wichtigste zuerst: Mein Praktikum hat mir sehr, sehr gut gefallen. Ich hatte das Glück, in einem tollen Referat mit netten Kollegen arbeiten zu dürfen. Die Arbeit war durchgehend interessant und hochspannend. Obwohl ich selber zuvor noch nicht mit VN-Themen in Berührung gekommen war, habe ich mich schnell zurechtgefunden und konnte einiges dazulernen. Besonders toll fand ich, dass ich stets in die Arbeit des Referats integriert wurde und schnell Aufgaben selbstständig erledigen durfte. Ich hatte vor Beginn meines Praktikums etwas Sorge, ich müsse vor allem Kaffee kochen und Aufgaben für den Papierkorb erledigen, aber so war es ganz und gar nicht. Meine Aufgaben waren dabei sehr vielfältig: In den ersten Wochen war ich, zusammen mit einer Referendarin, für die Organisation einer G4-Konferenz verantwortlich. Wir haben Einladungen verschickt, Programmpläne gebastelt, viel telefoniert und am Ende auch selber an der Konferenz teilgenommen. Ich durfte die Teilnehmer vom Hotel abholen, auf einer Stadtrundfahrt begleiten, bei den Meetings zuhören und Protokoll schreiben. In den Wochen darauf war ich – diesmal als einzige Hospitantin – mitverantwortlich für die Organisation eines Besuches einer Expertengruppe des Sicherheitsrates. Getoppt wurde das ganze dadurch, dass ich in meiner letzten Woche im Amt quasi ganz alleine verantwortlich war für den Besuch eines Untersekretärs der Vereinten Nationen aus New York. Hier habe ich das Programm erstellt, kurzfristig Termine geplant, den Besuch mit einem Dienstwagen inklusive Fahrer vom AA vom Flughafen abgeholt und zu den Meetings im Auswärtigen Amt und im Bundeskanzleramt begleitet. Für mich war das eine tolle Erfahrung und auch ein bisschen eine Bestätigung für mich; mir wurde bei meinen Aufgaben recht viel Verantwortung übertragen – das wäre sicher nicht der Fall gewesen, wäre man mit meiner Arbeit nicht zufrieden oder würde man mir die sorgsame Erledigung der Aufgaben nicht zutrauen. Ich hatte durch diese Besuche nicht nur die Möglichkeit, mich im Organisieren zu üben sondern Kontakte zu knüpfen, meinen Smalltalk auf Englisch zu verbessern und durch die Teilnahme an den Konsultationen einen tollen Einblick in die Arbeit eines Diplomaten zu bekommen.

Eine weitere große Aufgabe von mir war das Erstellen von sogenannten Gesprächsmappen. In diesen werden für Konsultationen Themen gesammelt, bestehend aus Sprechpunkten (was soll in dem Gespräch erötert werden?) und Sachständen (Hintergrundinformationen für das Gespräch). Wenn eine Konsultation anstand, war es meine Aufgabe, zuersteinmal in den verschiedenen Abteilungen des Auswärtigen Amtes Themenvorschläge anzufordern. Stand die Themenliste fest, habe ich im nächsten Schritt die Unterlagen dafür angefordert – und mich dabei gleich mit Fristen (und dem Nichteinhalten von gesetzten Fristen…), Bürokratie und der Hirarchie in einer Behörde vertraut gemacht. Und gelernt, dass man eine Mail, die über einen Verteiler an 60 Empfänger geht, besser dreimal Korrektur liest.
Habe ich die Unterlagen erhalten, wurden sie von mir geordnet, ggf. noch ans Format angepasst und dann ausgedruckt und in der Gesprächsmappe nach einem bestimmten System angeordnet. Das Erstellen solcher Gesprächsmappen klingt vielleicht nicht so spannend, hat mir aber wirklich Spaß gemacht. Insgesamt habe ich bestimmt sechs oder sieben solcher Mappen (mit teilweise am Ende 60 Seiten) erstellt, sowohl für die Abteilungsleiterin als auch für die Staatssekretäre.

Die restlichen Aufgaben waren dann wohl typische Aufgaben, wie man sie sich vorstellt: Das Verfassen von Stellungnahmen (Darf letales Gerät nach Somalia ausgeliefert werden?), das Überarbeiten von Sachständen/Dokumenten zu VN-Sanktionen und Friedensmissionen, die Teilnahme an task forces / round tables / Meetings zu zB. Syrien, Irak oder Libyen inkl. Schreiben von Protokollen. Außerdem war ich recht engagiert im Hospitantenprogramm und habe nicht nur an recht vielen Veranstaltungen teilgenommen, sondern auch selber Veranstaltungen für die Hospitanten organisiert. So habe ich zum Beispiel die Landesvertretung NRW und das Bundesverteidigungsministerium besucht, an einer Führung durch das politische Archiv im AA teilnehmen dürfen und ein “Kamingespräch” mit einem Mitarbeiter der Personalabteilung organisiert.
Die acht Wochen waren auf jeden Fall gut gefüllt, die regulären Arbeitszeiten von 09.00 – 17.00 Uhr habe ich (freiwillig!) nie eingehalten sondern war eigentlich immer bis 18.00 oder 19.00 Uhr da und die Zeit ist einfach nur wie im Flug vergangen.

Abgesehen von meiner Arbeit im Referat habe ich mich im Auswärtigen Amt von Anfang an wohl gefühlt. Ich habe die Möglichkeit genutzt und mich mit vielen Kollegen unterhalten. Ich hatte das Gefühl, im Auswärtigen Amt arbeitet ein bestimmter Typ Mensch (so wie das in einer internationalen Großkanzlei oder einer Unternehmensberatung auch der Fall sein mag) – und dieser Typ Mensch war wirklich sehr angenehm: Weltoffen, vielseitig interessiert, kommunikativ, gebildet und “auf dem Boden geblieben”. Ich kann nicht sagen, dass mir meine Kollegen bei Gleiss Lutz in München (einer Großkanzlei) nicht gefallen haben, aber in so einer internationalen Kanzlei arbeitet eben doch ein anderer Typ Mensch. Und ich – die eigentlich gar nicht so sehr für die juristische Thematik an sich brennt und später nicht zwingend rein juristisch arbeiten möchte – habe mich bei den “Nichtjuristen” im Auswärtigen Amt ganz wohl gefühlt :-).

Wo wir bei der Frage wären: Möchte ich später im Auswärtigen Amt arbeiten? Was hat mir das Praktikum diesbezüglich gezeigt?
Zugegeben, als ich Ende des Jahres 2014 meine Zusage nach Berlin geschickt habe, dachte ich: “Ja, wird sicherlich interessant sich das anzusehen, aber dort arbeiten möchte ich nicht.” Denn ich habe das AA nur damit in Verbindung gebracht, dass man alle drei Jahre das Land wechseln muss, und das empfand ich noch vor wenigen Monaten als unattraktiv. Was genau das AA aber sonst macht, das konnte ich mir nicht so recht vorstellen.
Nun sind acht Wochen vorüber, ich habe viel gesehen, einen guten Einblick in die Arbeit des AA in der Zentrale in Berlin bekommen – und meine Meinung bereits nach diesen acht Wochen grundlegend geändert.
Ich stehe vor dem Abschluss meines Jurastudiums und während meine Kommilitonen schon fast alle wissen, was sie später machen wollen, wusste ich es überhaupt vor Beginn meines Praktikums überhaupt nicht. Mit den klassischen juristischen Berufen – Anwalt, Richter, Staatsanwalt – konnte ich mich auch nach meinen Praktika in einer Kanzlei und bei Gericht nie wirklich anfreunden. Die Lehre gefällt mir gut, ich liebe meinen Job an der Uni als AG-Leiterin/Tutorialleiterin – aber für eine Professur fehlt mir das wissenschaftliche Interesse. Was ich stattdessen machen möchte, wusste ich nicht. Einen Beruf, der meine Stärken mit meinen Interessen verbindet, habe ich nie gefunden. Bis jetzt :-). Jetzt glaube ich, dass ein Job in einem Ministerium genau das Richtige für mich ist.
Dabei muss es vielleicht nicht mal das Auswärtige Amt sein… Während meines Referendariats möchte ich die Verwaltungsstation gerne nutzen, um mir ein anderes Bundesministerium anzusehen. Die Wahlstation führt mich aber sicherlich wieder zum Auswärtigen Amt – an eine Botschaft im Ausland. Denn so toll ich die Arbeit in der Zentrale in Berlin fand, so sehr ich der Meinung bin, diese Arbeit hat zu mir, meinen Stärken und meinen Interessen gepasst, am Ende bedeutet die Arbeit fürs AA eben auch: die Arbeit im Ausland. Und die Arbeit an einer kleinen Botschaft in Afrika oder Asien schaut sicherlich ganz anders aus als die Arbeit in Berlin. Vor acht Wochen schrieb ich noch in meinem Blog, ich könnte mir eine Arbeit in Accra, Bagdad, Beirut, Kabul, Kiew, Minsk, Mumbai, Tripolis oder Ulan Bator nicht vorstellen. Mittlerweile glaube ich, dass gerade eine solche Arbeit total spannend und interessant sein kann.

Man merkt, die acht Wochen in Berlin haben mir einige Denkanstöße gegeben. Es klingt übertrieben, aber ist es eigentlich nicht: Acht Wochen in einer neuen Stadt, in einem neuen Umfeld, mit neuen Aufgaben – sie prägen einen viel mehr, als mich mehrere Monate oder Jahre in Bielefeld hätten prägen können. Es ist toll, dass ich so viel aus meiner Zeit in Berlin habe mitnehmen können; viele neue Erfahrungen, viele neue Anregungen, Ideen, Denkanstöße und auch viele neue Freundschaften. Ich bin dankbar und froh, mich für das Praktikum entschieden zu haben.

Dieser Blog wird nun bis zum nächsten (Auslands-)Praktikum geschlossen – aber wer mich kennt oder auch nur von meiner Begeisterung in den letzten Wochen gelesen hat weiß, dass dieses sicherlich nicht lange auf sich warten lässt.
Bis dahin vielen Dank fürs Lesen! :-)